Emslandjahrbuch 2010
 
     
     

Rezension unseres Buches „Löö en Tieden“
im Emsland- Jahrbuch 2010 

Über die hohe Wertschätzung unseres Buches „Löö en Tieden“ in der Rezension von Theo Mönch-Tegeder im Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Band 56, 2010, S.359 ff haben wir uns sehr gefreut. Wir erlauben uns daher, sie hier abzudrucken:

     
     

 

Erschienen im Emsland – Jahrbuch 2010
Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes
Vorsitzender Hermann Bröring

Carl van der Linde: Löö en Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Herausgegeben im Auftrag der Carl-van-der-Linde-Schule Veldhausen von Helga Vorrink und Siegfried Kessemeier. Veldhausen 2008,288 S., 25 €

Früher nannte man es Vorbild, heute spricht man wohl besser von ,,Benchmark". Welche Wortwahl man auch bevorzugt, es läuft auf ein und dasselbe hinaus: Künftige Werksammlungen von niederdeutschen Autoren unserer Region werden sich an dieser Carl-van-der-Linde-Anthologie messen lassen müssen. Dieses Buch ist schlicht und einfach beispielgebend - von der ersten bis zur letzten Seite. In der außerordentlich handhabbaren zweifarbigen Gestaltung, im lesefreundlichen Schriftsatz, in der hohen Qualität des Lektorats - überall spürt man die Sorgfalt und Liebe, mit der Helga Vorrink, die Leiterin der Grund- und Hauptschule in Veldhausen, sowie der Münsteraner Historiker Siegfried Kessemeier dieses Werk bis ins Detail durchkomponiert und vollendet haben. Aus der Qualität wiederum sprechen die Begeisterung für die Person der Anthologie, das Engagement für die Sache. Zu den standardsetzenden Vorzügen gehören nicht zuletzt die biografische Aufschlüsselung der Person Carl van der Linde sowie die knappen, aber sehr präzisen Anmerkungen zum historischen Kontext der einzelnen Gedichte und Geschichten. Ein weiterer Aspekt hebt dieses Buch über die meisten anderen dieses Genres hinaus. Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht.
Carl van der Linde (1861 -1930) gehört zu den unterschätzten niederdeutschen Autoren; zumTeil hängt dies wohl auch mit seiner jüdischen Herkunft zusammen, die ihm insbesondere zum Ende hin das Leben schwer machte und anschließend die Verbreitung seines Werkes, wie sie angemessen gewesen wäre, erschwerte. Aber es gab auch immer Freunde,Weggefährten und Anhängen die sich für ihn begeisterten und dazu beitrugen, dass er allen Unterdrückungsversuchen zumTrotz nicht vergessen und verschwiegen wurde. Unbestritten gehört der gelernte Schriftsetzer zum besten Bestand der vielfältigen und bunten Grafschafter Literatur.
Die in dem Buch zusammengestellten Gedichte und Kurzgeschichten weisen daraufhin, dass dieTreue und alle Mühen gerechtfertigt waren und immer noch sind. Die Schüler und Lehrer in Veldhausen können stolz sein auf ihren Namensgeber. Die gegenüber den früheren Veröffentlichungen beträchtlich erweiterte Auswahl belegt, dass van der Linde einiges mehr zu bieten hat als die bekannte Heimatdichtung. Ja, natürlich hat er einige der schönsten Liebesgedichte auf sein Dorf, die Grafschaft und ihre Menschen geschrieben. Auch seine Kurzgeschichten sind nicht nur derb-witzig, sondern spiegeln mit viel Einfühlungsvermögen und Sympathie die Mentalität und Lebensverhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mindestens ebenso interessant sind aber die mehr oder weniger politischen Gedichte, in denen er - offensichtlich immer sehr kurzfristig - aktuelle Entwicklungen der Reichs- oder Kommunalpolitik während der Weimarer Zeit aufs Korn nahm. Heute wäre van der Linde vermutlich ein gefragter Künstler der regionalen Kabarett-Szene. Auch wenn er sich des Plattdeutschen bediente - seine Stilmittel waren hochmodern und sind es bis heute im Vergleich zu den Mitteln, mit denen seither die gängige niederdeutsche Prosa und Lyrik auszukommen pflegt. Man findet Couplets und Chansons, die, obwohl sie offensichtlich nur sprechend vorgetragen wurden, geradezu dazu auffordern, gesungen zu werden. Dies macht das vorliegende Buch gegenüber den früheren Sammlungen so originell: Es legt viele neue Facetten frei, die erst den ganzen Carl van der Linde ausmachen.
Dieses Buch wurde gefördert von der Grafschafter Sparkassenstiftung, der Stadt Neuenhaus und Ingrid und Hans-Joachim Naber.
Trotz all dieser Vorzüge liegt ein ziemliches Defizit wie ein Schatten über diesem Buch. Ohne eine zwar angegebene, aber nicht angemeldete Standard-Buchnummer (ISBN) wird es im gewöhnlichen Buchhandel nur schwer bestellbar und später in den Bibliotheken noch weniger auffindbar sein. Schade! Eine solche Arbeit und ein solcher Autor hätten es verdient, ordentlich verlegerisch betreut zu werden.                
Theo Mönch-Tegeder

Die Standard- Buchnummer ISBN 3-938552-03-4 ist angemeldet. Das Buch kann man über den Buchhandel, die Firma Hellendoorn in Bentheim und der Carl-van-der-Linde-Schule, Veldhausen erwerben.
Die Herausgeber

     
 
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