Carl van der Linde

 

                  

Lebenslauf:  
Name: van der Linde
Vorname: Carl
Geburtsdatum: 4. April 1861
Geburtsort: Veldhausen
Staatsangehörigkeit: deutsch
Religion: jüdisch
Vater:     Jsaak Salomon van der Linde
Mutter   Friederike Cohen (1823 -1887)
Geschwister: 3 Schwestern:   Netta (1848 – 1925),
  Emma (1850 - 1898), Sophie (1866- 1936)
  3 Brüder; Salomon (1852 - 1901)
  Leopold (1855 - 1906) Abraham (1858 - 1910)
Schulbildung: 1866-1874 Volksschule Veldhausen
Schulabschluss:     Volksschule Veldhausen 1874
Berufsausbildung:

1874 bis 1878

  Buchdruckerlehre bei Kip und  Lammersdorf                  in Neuenhaus
Wanderschaft:  1878 bis 1880 : durch Norddeutschland bis zur Ostseeküste, Süddeutschland, Österreich, Norditalien, Ungarn, Schlesien und Sachsen
Beruf: Schriftsetzer beim „Hamburger Fremdenblatt“        1884 bis 1909
Ruhestand:     1911 Rückkehr nach Veldhausen
Schriftstellerische Tätigkeiten: • Verfasser plattdeutscher Gedichte und Erzählungen
• Leseveranstaltungen in der Grafschaft Bentheim und den benachbarten Niederlanden
Lebenswerk: Aufwertung des „Grafschafter Platt" als Schriftsprache
Erstes Buch: „Grappen und Grillen" erschien 1930 kurz nach seinem
Tod
Todesdatum:       13. Januar 1930
Todesursache:  Herzinfarkt im Evangelischen Krankenhaus in                    Neuenhaus
   

Seit dem 29. Januar 2004 heißt unsere Schule: Carl-van-der-Linde-Schule Veldhausen, Grund-und Hauptschule. Die Namensgebung fand im Rahmen einer festlichen Veranstaltung und mit einer Ausstellung über Carl van der Linde statt.

Carl-van-der-Linde wurde am 4. April 1861 in Veldhausen geboren. Nach dem Schulabschluss machte er von 1874 bis 1878 eine Buchdruckerlehre/Schriftsetzerlehre bei Kip und Lammersdorf in Neuenhaus. Von August 1878 bis 1880 wanderte und arbeitete er in Norddeutschland bis zur Ostseeküste, Süddeutschland, Östereich, Norditalien, Ungarn, Schlesien und Sachsen. 1884 trat er eine feste Anstellung beim Hamburger Fremdenblatt an. Neben seinem Beruf veröffentlichte er satirische Gedichte in verschiedenen Zeitschriften.

1911 kehrte er in seine Heimatstadt Veldhausen zurück. Er widmete sich dem Verfassen von Gedichten und Geschichten in plattdeutscher Sprache. In ihnen beschreibt er die Charaktere der Grafschafter, deckt menschliche Schwächen auf und hält ihnen auf unterhaltsame und humorige Weise einen Spiegel vor. Auf diese Weise wollte er die Menschen zum Nachdenken anregen.

Durch seine Veröffentlichungen wertete Carl-van-der-Linde das Grafschafter Platt als Schriftsprache auf. Sein erstes Buch Grappen und Grillen erschien 1930 kurz nach seinem Tod. Carl van der Linde starb an einem Herzinfarkt am 13 Januar 1930 im Evangelischen Krankenhaus in Neuenhaus und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Neuenhaus beigesetzt. In einer bescheidenen Pappschachtel, die seinen literarischen Nachlaß barg, lag zu oberst als letzter Gruß an seine Freunde, Verehrer, Mitstreiter und Leser folgendes Gedicht:

Y möt nich truren, wenn ick starwe! Dat is heelmoals nich noa mien Sinn,
Uem dat de Doad för my dat Beste, Wat ick an’t heele Lewen finn!
Dat Starwen schrickt my nich as andre, goah gerne hier ut disse Welt,
wo sick den heelen Dag de Menschen met Mißgunst, Haß en Sorgen quällt.
Doarüm nich reeren, wenn ick starwe! Reer Y ok, wenn dat Gröss wot soar?
Reer Y ok, wenn de Blomen welkt enn ander Planten ieder Joahr?
Weest men pleseerig, wenn my endliks heff to sick ropen Gott de Heer!
Richt’t doarnoa in, dat wy uns alle trefft alltehoape bowen wer!

 
 
Of du Hochdütsch proats, of Platt,
datt is eenerläi! Men mark´dy dat:
wat du seggs, mot wesen woahr!
wat du anfangs, make kloar,
wat du leären kans, dat leär!
reer´ nich foart, döt dy wat seer,
diene Aulers altied ehr´,
wat see seggt dij, ok dat doo,
holl ok süwer Kleär en Schoo,
fräundlik wese overall,
proat verstandig, nich soa mall.
enbildung en Stolz smiet up de siet,
loat dij roaden ok up Tied,
sönig wese, gierig noit,
anders heß ümsünns du knoit.
döß du ieder dann sien Recht,
geh`t dy in de Werlt nich slecht.
wenn du leewst nu soa verdann,
mag dij lien ok ieder mann !
Gott, de Heer, dee steet dij bij,
hee bescharmt un segend dij.
 

Juni
Met´t Meß sick snien, is leep,
Met Scheermeß is noch leeper,
Nen scharpen, lossen Beck,
De snitt noch deeper.

Juli

Wörmte könn’ wy nu verdregen,
Men kump manges te völl Regen,
Helpt us nix dat Tegenstemmen.
Soa as’t kump, soa mörr wyt nemmen.

August

„Wat heet, wat heet!“ roapt alle Löe.
Wel´t Geld heff, räist nu an de See,
De’t nich heff, singt te Hus sien Leed
En spoart sick – Arger en Verdreet.

September

De Vögel willt räisen – wy seht’t all vann wieden,
Se sammelt sick, fleget noa’t prachtige Süden;
De heerlicken Leedties, de se uns hebbt sungen,
Vörby is nu alles, verklungen, verklungen.

Oktober

Nu mot, wat wassen is up’t Land,
In Gate en binnen de Pöste,
Natur tredd wer in Ruhestand,
Geht alles soa sachies te Röste.

November

De Nachte wot all oarig kault,
De Blaa verfarwt sick, kahl wot’t Hault,
De Blöömpies blöiht nich mehr dor buten,
Dorför by Frostweer an de Ruten.

 

3.Dezember 2008

Carl van der Linde füllte den Saal

Buch über den bekannten Grafschafter Autor in Osterwald offiziell vorgestellt

mep.GN

78 Jahre nach seinem Tod schaffte es der Veldhauser Heimatdichter Carl van der Linde, ein ganzes Dorfgemeinschaftshaus zu füllen. „Das hätte er sich nicht träumen lassen“, bemerkte Helga Vorrink, die Schulleiterin der nach dem Dichter benannten Veldhauser Grund- und Hauptschule in ihrer Anmoderation zur Vorstellung des Buches „Löö en Tieden“ (Leute und Zeiten).

Das Buch enthält auf 288 Seiten ausgewählte Texte und ein Lebensbild des Grafschafter Autors, der nicht nur Heimatdichter war, sondern auch zu politischen Themen Stellung nahm und eine ausgesprochen humanitäre Gesinnung besaß. Im weiteren Verlauf des Abends führte Helga Vorrink durch ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Programm, das den 420 Besuchern ein differenziertes Bild des Lebens und Wirkens Carl van der Lindes vermittelte.

Mit dem Buch habe man das Vermächtnis und das bewegte Leben eines bedeutenden Heimatdichters neu entdeckt und sichergestellt. Damit sei auch ein „Bekenntnis für die plattdeutsche Sprache“ verbunden.
 
GN 09.11.2009

„Kiek an, dat is doch mal wat“

„Löö en Tieden“ erhält die Auszeichnung „Plattdeutsches Buch des Jahres“

 

Vor hundert Jahren hat sich Carl van der Linde gewünscht, dass seine Gedichte, Geschichten, Vertellsels-Erzählungen veröffentlicht werden. Die Carl van der Linde Schule hat es geschafft.

Carl van der Linde kehrte 2009 nach Hamburg zurück. Die Zusammenfassung in ein Buch wurde
Plattdeutsches Buch des Jahres 2009

 
 

Emslandjahrbuch 2010

Rezension unseres Buches „Löö en Tieden“
im Emsland- Jahrbuch 2010 
Über die hohe Wertschätzung unseres Buches „Löö en Tieden“ in der Rezension von Theo Mönch-Tegeder im Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Band 56, 2010, S.359 ff haben wir uns sehr gefreut. Wir erlauben uns daher, sie hier abzudrucken:

Erschienen im Emsland – Jahrbuch 2010
Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes
Vorsitzender Hermann Bröring
Carl van der Linde: Löö en Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Herausgegeben im Auftrag der Carl-van-der-Linde-Schule Veldhausen von Helga Vorrink und Siegfried Kessemeier. Veldhausen 2008,288 S., 25 €
Früher nannte man es Vorbild, heute spricht man wohl besser von ,,Benchmark". Welche Wortwahl man auch bevorzugt, es läuft auf ein und dasselbe hinaus: Künftige Werksammlungen von niederdeutschen Autoren unserer Region werden sich an dieser Carl-van-der-Linde-Anthologie messen lassen müssen. Dieses Buch ist schlicht und einfach beispielgebend - von der ersten bis zur letzten Seite. In der außerordentlich handhabbaren zweifarbigen Gestaltung, im lesefreundlichen Schriftsatz, in der hohen Qualität des Lektorats - überall spürt man die Sorgfalt und Liebe, mit der Helga Vorrink, die Leiterin der Grund- und Hauptschule in Veldhausen, sowie der Münsteraner Historiker Siegfried Kessemeier dieses Werk bis ins Detail durchkomponiert und vollendet haben. Aus der Qualität wiederum sprechen die Begeisterung für die Person der Anthologie, das Engagement für die Sache. Zu den standardsetzenden Vorzügen gehören nicht zuletzt die biografische Aufschlüsselung der Person Carl van der Linde sowie die knappen, aber sehr präzisen Anmerkungen zum historischen Kontext der einzelnen Gedichte und Geschichten. Ein weiterer Aspekt hebt dieses Buch über die meisten anderen dieses Genres hinaus. Man mag es beinahe nicht glauben, dass es eine Gemeinschaftsarbeit der Carl-van-der-Linde-Schule ist. Auch und gerade die Schülerinnen und Schüler, wohlgemerkt einer Grund- und Hauptschule, haben aktiv daran mitgearbeitet, indem sie in Veldhausen selbst und in den umliegenden Bibliotheken und Archiven viele unbekannte, bisher unveröffentlichte Arbeiten Carl van der Lindes aufgestöbert und interessantes Material über das facettenreiche Leben dieses plattdeutschen jüdischen Dichters in der Grafschaft Bentheim zusammengetragen haben. Jeden der abschätzig über die Qualität von Hauptschulen denkt, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und sich von der Begeisterungsfähigkeit und der hohen Leistung mitreißen lassen, welche die Schule mit diesem Buch dokumentiert. Man spürt, wie die ganze Gemeinschaft sich mit ihrem Namensgeber auseinandersetzt und ihn zum Gegenstand des Lernens, der Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung macht.
Carl van der Linde (1861 -1930) gehört zu den unterschätzten niederdeutschen Autoren; zumTeil hängt dies wohl auch mit seiner jüdischen Herkunft zusammen, die ihm insbesondere zum Ende hin das Leben schwer machte und anschließend die Verbreitung seines Werkes, wie sie angemessen gewesen wäre, erschwerte. Aber es gab auch immer Freunde,Weggefährten und Anhängen die sich für ihn begeisterten und dazu beitrugen, dass er allen Unterdrückungsversuchen zumTrotz nicht vergessen und verschwiegen wurde. Unbestritten gehört der gelernte Schriftsetzer zum besten Bestand der vielfältigen und bunten Grafschafter Literatur.
Die in dem Buch zusammengestellten Gedichte und Kurzgeschichten weisen daraufhin, dass dieTreue und alle Mühen gerechtfertigt waren und immer noch sind. Die Schüler und Lehrer in Veldhausen können stolz sein auf ihren Namensgeber. Die gegenüber den früheren Veröffentlichungen beträchtlich erweiterte Auswahl belegt, dass van der Linde einiges mehr zu bieten hat als die bekannte Heimatdichtung. Ja, natürlich hat er einige der schönsten Liebesgedichte auf sein Dorf, die Grafschaft und ihre Menschen geschrieben. Auch seine Kurzgeschichten sind nicht nur derb-witzig, sondern spiegeln mit viel Einfühlungsvermögen und Sympathie die Mentalität und Lebensverhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mindestens ebenso interessant sind aber die mehr oder weniger politischen Gedichte, in denen er - offensichtlich immer sehr kurzfristig - aktuelle Entwicklungen der Reichs- oder Kommunalpolitik während der Weimarer Zeit aufs Korn nahm. Heute wäre van der Linde vermutlich ein gefragter Künstler der regionalen Kabarett-Szene. Auch wenn er sich des Plattdeutschen bediente - seine Stilmittel waren hochmodern und sind es bis heute im Vergleich zu den Mitteln, mit denen seither die gängige niederdeutsche Prosa und Lyrik auszukommen pflegt. Man findet Couplets und Chansons, die, obwohl sie offensichtlich nur sprechend vorgetragen wurden, geradezu dazu auffordern, gesungen zu werden. Dies macht das vorliegende Buch gegenüber den früheren Sammlungen so originell: Es legt viele neue Facetten frei, die erst den ganzen Carl van der Linde ausmachen.
Trotz all dieser Vorzüge liegt ein ziemliches Defizit wie ein Schatten über diesem Buch. Ohne eine zwar angegebene, aber nicht angemeldete Standard-Buchnummer (ISBN) wird es im gewöhnlichen Buchhandel nur schwer bestellbar und später in den Bibliotheken noch weniger auffindbar sein. Schade! Eine solche Arbeit und ein solcher Autor hätten es verdient, ordentlich verlegerisch betreut zu werden.                

Theo Mönch-Tegeder

 

Augustin Wibbelt-Gesellschaft e. V.
Jahrbuch 27
2011
Sonderdruck
Verlag für Regionalgeschichte Bielefeld

BUCHBESPRECHUNGEN
Carl van der Linde: Löö en Tieden. Ausgewählte Texte und ein Lebensbild. Hrsg. im Auftrag der Carl-van-der-Linde-Schule Veldhausen von
Helga Vorrink und Sieg­fried Kessemeier. Veldhausen:
Carl-van-der-Linde-Schule, 2008. 288 S., 111.

En arig kwamp 't my vör: et wassen alle Dütsche, men ieder Land spröck wer anders. (S. 187) Und seltsam kam es mir vor: Es waren alles Deutsche, aber jedes Land sprach wieder anders.
Die Erfahrungen, die der Grafschafter Mundartdichter Carl van der Linde als Buchdruckergeselle auf seiner Wanderschaft gemacht hat, mögen mit dazu beigetragen haben, dass er sich des Werts der eigenen, heimischen Mundart in besonderer Weise bewusst wurde und sich für ihren Erhalt einsetzte. Die Ge­dichtzeile Uns' aule Platt, wu moj klingt dat (S. 25) kann man auch heute noch in der Grafschaft Bentheim hören; in dem Gedicht lauten die letzten zwei Stro­phen:
Men gaoht is wecke in de Welt / Ut unse platte Gegend, / Un hört ok alle Sproaken doar, I Wott se ok hochvermögend, / / Seggt doch, wenn in de Heimat se / Van Sehn­sucht moal wot drewen: / „ Uns' aule Platt wu moj klingt dat, / Klingt uns dör't heele Leven!" (S. 26)
Doch gehen mal einige hinaus in die Welt aus unserer platten Gegend, und hören auch alle Sprachen da, werden auch hochvermögend, sie sagen doch, wenn sie in die Heimat aus Sehnsucht getrieben werden: „Unser altes Platt, wie schön klingt das, klingt uns durch's ganze Leben!"
Die Mundart als Muttersprache ist essentieller Teil des Lebens: identifikations­bildend, heimatverbindend, ein Ausdrucksmittel, das die Herzen derjenigen an­spricht, die mit ihr aufgewachsen sind. Mit ihrer regional eingeschränkten Reichweite einerseits und ihrer Verbindung zur Vergangenheit als „Sprache der Vorfahren" andererseits bildet gerade die Mundart das Medium für Heimat­gefühl, gepaart mit Stolz auf das Eigene, je Besondere. Literatur in Mundart benutzt ein Medium, das die Menschen in der Nähe in besonderer Weise be­rührt, das ihre Welt mit ausdruckssicheren Worten beschreibt, wobei die Mund­art aber nicht nur Medium, Träger der Botschaft, bleibt, sondern selbst immer schon mit thematisiert wird. Denn Mundartliteratur ist Literatur in besonderer
Sprache.1 Das „schöne, alte Platt" ist wohl für jeden Plattsprecher (und —verste-her) insbesondere das Plattdeutsch der eigenen Heimat. Verlässt man diese und hört andere Zungen, so vermag es gerade die Mundart, eine Verbindung zur Heimat herzustellen. Nicht wenige Mundartdichter sind erst in der Fremde darauf verfallen, den Dialekt als Ausdrucksmittel zu verwenden, weil sie be­merkt haben, welche emotionsbildende Kraft ihm anhaftet.
Insofern ist es ein besonderer Glücksgriff, dass die „Grund- und Hauptschule Veldhausen" im Jahre 2004 den Aufruf zur „Profilbildung" dazu genutzt hat, ihren Schülerinnen und Schülern durch die Neubenennung in „Carl-van-der-Linde-Schule" eine Identifikationsfigur anzubieten, die eng mit ihrer Heimat und häufig genug auch noch mit der Sprache ihrer Eltern und Großeltern ver­knüpft ist. Carl van der Linde stammte aus Veldhausen, als Mundartdichter ist er in der gesamten Grafschaft Bentheim bis heute bekannt; der Umstand, dass er zur jüdischen Gemeinde gehört hat, wird hingegen wohl nicht mehr jedem geläufig sein. Denn dies spielte, so scheint es, schon zu seinen Lebzeiten (1861— 1930) in Bezug auf sein Schaffen und seine Vortragstätigkeit keine oder kaum eine Rolle. In der Folge der Neubenennung beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Namensgeber ihrer Schule, sammelten Fakten, fahndeten nach bisher unveröffentlichten oder abgelegenen Texten bei Bewohnern der Grafschaft und im Zeitungsarchiv der Euregio-Bücherei Nordhorn, bereiteten eine Ausstellung vor und schrieben fleißig Texte ab. Ihr Engagement in diesen Dingen wurde sicherlich auch dadurch gestärkt, dass sie sich mit einem Dichter ihres Heimatortes beschäftigten, den einige ihrer Interviewpartner noch per­sönlich gekannt haben und dessen Person und Werk „im kulturellen Gedächt­nis der Gemeinde bereits einen festen Platz hatten" (S. 254).
Das Projekt einer Arbeitsgemeinschaft mündete schließlich in ein Buch, das im Jahre 2009 auf der Plattdeutschen Buchmesse in Hamburg von der Carl-Toep-fer-Stiftung zum „Plattdeutschen Buch des Jahres" gekürt wurde. Dass es zu dieser Auszeichnung gekommen ist, wundert niemanden, der „Löö en Tieden" in die Hand nimmt: Bibliophil und großzügig angelegt, mit Fadenheftung und Schutzumschlag, mit der Farbe Lindgrün als besonderes, den Namen des Autors „zitierendes" Gestaltungselement, mit unterschiedlich weißem Papier für den ersten und zweiten Teil des Buches (hier „Lebensbild" und weitere An­hänge, dort Primärtexte), ausgestattet mit vielen Schwarz-weiß-Fotos und einer Übersicht mit den Stationen der Wanderschaft van der Lindes, wird ein Buch angeboten, dessen Inhalt dem äußerlichen Anspruch durchaus gerecht werden kann. Wohl auch dank der Mitarbeit des unlängst plötzlich verstorbenen Histo­rikers Siegfried Kessemeier, der selbst zahlreiche wissenschaftliche und litera­rische Veröffentlichungen aufzuweisen hat, ist ein rundum informativer und schöner Band entstanden, der nicht nur eine literarische Einordnung des Autors
enthält, sondern auch eine Lebensbeschreibung und sorgfältig recherchierte Nachweise sowie Anmerkungen zu den historischen Hintergründen etlicher Texte, insbesondere der Zeitgedichte.
An Primärtexten werden 94 thematisch geordnete Gedichte (S. 16—157) und elf kurze Erzählungen (S. 160—199), deren letzte vier autobiografisch geprägt sind, geboten. Die Texte werden in der Orthographie wiederabgedruckt, die in den Vorlagen verwendet wurde. Dies führt dazu, dass man mitunter auch auf das niederländische Orthographiesystem trifft, war das Niederländische doch lange Zeit die Kultursprache in der Grafschaft Bentheim. So findet sich die Schrei­bung Duitschland (S. 18) neben Hochdütsch (S. 23) oder Hochdüts (S. 25), und für den Laut /ö:/ gibt es mitunter die Schreibung eu, wie in treurig (S. 172). Diese orthographischen Einflüsse sind aber nur selten zu bemerken. Im lexikalischen Bereich hat das Niederländische das heutige Grafschafter Platt stärker mitge­staltet: Man trifft auf Welttaal (Weltsprache') neben Sproake, die Diminutiv­endung -ien setzt sich auf der niederländischen Seite der Grenze fort, und auch die Kopula en für 'und' entspricht der heutigen niederländischen Form.
Dass es sich um verschriftete gesprochene Sprache handelt, wird verschiedent­lich deutlich gemacht: z. B. Mirrewinter mit Doppel-r (S. 45), im Glossar am Ende des Bandes heißt es allerdings Middewinter (S. 282); die Pärre 'Kröte' be­gegnet hingegen nur in der Form mit r. Und natürlich gibt es viele Zu­sammenfügungen, z. B. mock't (S. 38) für mot ik et ('muss ich es'). Schwierig­keiten können die Diphthonge bereiten: So wird das offene ö (wie in Löffel) mit nachfolgendem i (vgl. das niederländische ui wie in uit 'aus' — im Hochdeut­schen haben wir diesen Diphthong nicht) einmal äu, dann wieder öi geschrieben {späuden 'spritzten' [S. 22], höit 'geheut, Heu gemacht' [S. 27], ßö'iten 'flöten, pfei­fen' [S. 33]; im Glossar stehen Däut und Döit 'Pfennig' [S. 278] als Varianten nebeneinander). Die dem Grafschafter Platt eigentümliche Nasalierung von Vo­kalen findet in der Schreibung kaum Niederschlag, nur einmal fällt bei Kraantenblatt 'Zeitung' (S. 25) die Schreibung mit Doppel-Ä auf, die vermutlich die Nasalierung des ursprünglich kurzen a anzeigen soll. Ein einziger Text, die Erzählung „Men mot sik te helpen wetten", weist die geregelte Kleinschreibung auf, bei der nur Eigennamen und Satzanfänge großgeschrieben werden. Dieser Text zeigt auch die sonst nicht übliche Schreibung oe für das offene /ö:/: proeties, droege (S. 174). Die Vorlage für diesen Text bildet der Abdruck im Jahr­buch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1971, so dass die ungewöhn­liche Schreibung vielleicht daher rührt.
Die Gedichte und Erzählungen sind nicht nur als Lektüre unterhaltsam, sie ha­ben auch kulturhistorisch viele interessante Aspekte zu bieten. Als Beispiel sei der Umgang mit (katholischen) Heiligen angeführt, die im Brauchtum der über­wiegend evangelisch reformierten Grafschaft noch „subkutan" vorhanden sind. St. Martin taucht im Gedicht „Sündermatten" (S. 49) außer im Titel des Liedes „Sündermattmans Vögeltien" gar nicht auf (dass es sich bei Sündermatten um St. Martin handelt, ist den meisten Kindern dementsprechend auch gar nicht bewusst), es geht nur um die Papierlaternen, die immer häufiger die alten Later­nen aus Runkelrüben ersetzen. Bei „Sünderkloas" 'St. Nikolaus' (S. 50) erlaubt sich van der Linde ein Wortspiel mit dem ersten Namensbestandteil und fragt sich, ob es sich bei Sünderkloas um einen großen „Sünder" handelt. Außer der Aufregung der Kinder, die Nüsse, Äpfel und Kuchen erwarten, erwähnt van der Linde hier auch das Knobelspiel, für das es auch heute noch wegen des Brauch­tums im Glücks Spielgesetz eine Ausnahme für die Grafschaft Bentheim gibt: Am 6. Dezember darf in Gaststätten und Geschäften geknobelt werden.
An offensichtlichen Fehlern sind der Rezensentin nur wenige aufgefallen, die eigentlich kaum der Rede wert sind: S. 97 Frauen Kind muss heißen Frau en Kind, S. 186 nen Wichteren nen Mannsklump muss natürlich nen Wichter- en nen Manns­klump sein und S. 236 sollte stehen spiegelt wider (statt wieder).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es sich bei „Löö en Tieden" um ein groß­artiges Gemeinschaftsprojekt handelt, das den Dichter Carl van der Linde in neuer Weise und mit neu wiederherausgegebenen Texten einer größeren Öffentlichkeit bekannt macht, um ein Buch, das außergewöhnlich schön gestal­tet ist und das hoffentlich viele Leser — nicht nur in der Grafschaft Bentheim — finden wird.

Dr. Friedel Helga Roolfs

1 Vgl. Walter Haas: Dialekt als Sprache literarischer Werke. In: Werner Besch u. a. (Hgg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. 2. Halbbd (HSK 1.2). Berlin/New York 1983, S. 1637-1651.

 
 
 
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